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Frauennotruf Regensburg e.V.
Beratungsstelle für Frauen und Mädchen
mit sexualisierten Gewalterfahrungen
             


Wie können wir Kinder vor sexualisierter Gewalt schützen?

Kinder stärken!
Die erste Antwort ist Prävention. Das heisst, Kinder zu stärken, zu informieren und ernst zu nehmen, damit sie sich wehren können und sich trauen, Hilfe zu holen und über Gewalterfahrungen zu sprechen. Angst und Desinformation können Kinder nicht schützen.
Deshalb: Offen mit Kindern sprechen - ihr Selbstvertrauen und ihre körperliche Selbstbestimmung fördern. Auch eine angstfreie Sexualaufklärung kann schützen, denn viele Täter nutzen gerade die Unwissenheit von Kindern, um sexuelle Gewalt als etwas "Geheimnisvolles" zu verschleiern.

Augen nicht verschließen!
Fast alle betroffenen Kinder haben wiederholte Male erfolglos versucht, sich in irgendeiner Weise Erwachsenen mitzuteilen. Wenn wir Kinder dazu auffordern, über die Gewalt zu sprechen, dann müssen wir uns als Erwachsene trauen das Kind ernst zunehmen und es zu unterstützen. Das ist oft nicht einfach, weil eigene Ängste, Verdrängungen und Zweifel im Weg stehen können. Der Gedanke, was ein Kind aushalten muss, das sexualisierter Gewalt schutzlos ausgeliefert ist, ist schwer zu ertragen. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, sich selbst Unterstützung und Beratung beim NOTRUF zu holen, um mit eigenen Zweifeln und Ängsten besser umgehen und das Kind wirklich unterstützen zu können.

Signale wahrnehmen!
Jedes Kind reagiert anders auf sexualisierte Gewalt. Die meisten Kinder sprechen nicht direkt über erlebte sexualisierte Gewalt. Sie stehen unter dem enormem Druck des Täters, der sie zum Schweigen bringt. Trotzdem versuchen sich Kinder meist indirekt mitzuteilen.
Sexualisierte Gewalt kann eine Reihe von schwerwiegenden psychischen und auch körperlichen Folgen haben, die aber bei jedem Kind anders aussehen können - zu spüren ist, dass das Kind belastet ist, dass "irgendetwas" nicht stimmt.
Es gibt kein Anzeichen, aufgrund dessen man "mit 100prozentiger Sicherheit" sagen kann, dass ein Kind Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist.

Schutz des Kindes vor dem Täter
Unser vorherrschendes Ziel muss der Schutz des Kindes sein - dies hat absoluten Vorrang vor dem Wunsch nach der Bestrafung des Täters. Die Schritte zum Schutz des Kindes können im Einzelfall sehr verschieden sein, z. B. je nachdem, ob sich der Rest der Familie auf die Seite des Kindes stellt. Wichtig ist es, eine Vertrauensbasis zum Kind aufzubauen, dem Kind zu zeigen, dass es nicht alleingelassen, sondern unterstützt wird – und ihm geglaubt wird.
Denn nur, wenn wir dem Kind ermöglichen, sich mitzuteilen, kann es wirklich vor dem Täter geschützt werden. Oft führt ein Verdacht dazu, dass überstürzt eine Anzeige bei der Polizei erstattet wird. Man will das Kind schützen, natürlich möglichst schnell. Eine übereilte Anzeige führt aber in den allermeisten Fällen nicht zum Schutz des Kindes, sondern oft sogar zum Gegenteil. Der Täter wird in der Regel nicht verhaftet und hat in vielen Fällen weiter Kontakt zum Kind. Er kann das Kind noch massiver unter Druck setzen. Das Kind wagt nicht mehr, noch einmal zu sprechen. Ohne Aussage des Kindes kommt es jedoch in den allermeisten Fällen nicht zur Verurteilung des Täters. Der Missbrauch kann dann weitergehen, oft über Jahre - und das Kind hat gelernt, dass es nichts hilft, sich mitzuteilen.

Sich Unterstützung holen!
Wichtig ist also, nicht überstürzt zu handeln, eine Vertrauensbasis zum Kind aufzubauen, um langfristig den Schutz es Kindes zu sichern. Dabei ist es gut, sich selbst Unterstützung zu holen, z. B. beim NOTRUF, um die Schritte zum Schutz des Kindes zu koordinieren. Und: wichtig ist es, nichts über den Kopf des Kindes hinweg zu entscheiden, sondern es in die Handlungsschritte mit einzubeziehen. Dem Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt hat, darf nicht das Gefühl eines neuen Vertrauensmissbrauch gegeben werden.

Es ist nicht der fremde böse Mann ...
Sexualisierte Gewalt gegen Kinder geschieht in den allermeisten Fällen im unmittelbaren Familien- und Bekanntenkreis. Studien haben ergeben, dass nur wenige der Täter das Kind vor der Tat nicht gekannt haben. Das heißt: Der überwiegende Teil der Täter sind Väter, Stiefväter, Onkel, Großväter, Brüder, Freunde, Lehrer, Trainer, Pfarrer, Bekannte der Familie.
Und: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist eine geplante Wiederholungstat, bei der der Täter gezielt Gelegenheiten schafft und ausnutzt. Viele Kinder müssen sexualisierte Gewalt über Jahre erleiden, manche bis in das Erwachsenenalter hinein.


Was tun bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch?

Grundsatz:
  1. Das wichtigste sind Schutz und Wohlergehen des Kindes.
  2. Erst wenn das Kind geschützt ist, kann Täter konfrontiert bzw. angezeigt werden.
deshalb:
  1. Ruhe bewahren, überhastetes Eingreifen kann schaden!
  2. Sich Unterstützung holen.
    Sich an eine Beratungsstelle wenden.
    Weitere Schritte gemeinsam mit dem Kind besprechen.
    Gemeinsam mit dem Kind überlegen, welcher Person das Kind vertraut und angesprochen werden kann.
  3. Vertrauensbeziehung zum Kind weiterführen, dem Kind zeigen, dass es mit Ihnen über Probleme sprechen kann.
  4. Themen wie "Gute und Schlechte Geheimnisse" - "Angenehme und unangenehme Berührungen" mit dem Kind, bzw. in der Gruppe von Kindern ansprechen.
  5. Keine Schritte über den Kopf des Kindes hinweg unternehmen - Schritte immer mit dem Kind absprechen.
  6. Gemeinsam mit dem Kind und anderen UnterstützerInnen überlegen, wie das Kind vor dem Täter geschützt werden kann.
  7. Niemand muss eine Anzeige erstatten. Eine Anzeige ist erst dann sinnvoll, wenn das Kind vor dem Täter geschützt ist. Sonst kann der Täter das Kind weiter bedrohen und es zum Schweigen bringen.